Nach 100 Jahren ein Gebet am Grab von Großvater Nikolai Ivanovich

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Nina Vasilnieva spricht am Grab des Großvaters ein Gebet. Begleitet wird die Russin von Oberbürgermeister Markus Lewe und Stadtarchivleiter Dr. Peter Worm. Foto: Presseamt Münster

Spurensuche führt aus Moskau nach Münster: Mit 81 Jahren kann Enkelin Nina auf dem Ehrenfriedhof Blumen niederlegen

Auf diesen Tag hatte Nina Vasilnieva lange warten müssen. Angespannt steht die Russin am schmiedeeisernen Tor zum Ehrenfriedhof bei Haus Spital und ergreift dankbar den Arm von Oberbürgermeister Markus Lewe. Die 81-jährige lässt sich zu einer Grabstelle führen. Es ist das Grab des Großvaters. Nikolai Ivanovich Moschaew war als Kriegsgefangener im Oktober 1917 in Münster gestorben. Zuhause wartete seine junge Frau mit zwei kleinen Töchtern auf Nikolais Rückkehr  – es sollte vergeblich sein.

Die Enkelin aus Podolsk bei Moskau ist die erste aus der Familie, die das Grab besuchen kann. Gemeinsam mit Schwiegertochter Tatiana dekoriert sie liebevoll den Rosengruß, zündet eine Kerze an und hält zum Gebet inne. In der Stille der grünen Friedhofsoase sind Markus Lewe, Stadtarchivleiter Dr. Peter Worm und Dolmetscherin Anna Chevtchenko Zeugen einer intensiven Begegnung nach über 100 hundert Jahren. Die weit gereisten Gäste zeigen sich berührt von der Würde der letzten Ruhestätte, sind dankbar überrascht, dass ein eigenes Kreuz mit dem Namen die Erinnerung an den Verstorbenen lebendig hält.

Auch in Zukunft wird die Stadt Münster dieses Grab ähnlich aufmerksam pflegen wie auch die anderen Kriegsgräberstätten  – dies versichert  der OB mit Nachdruck. Und noch vor Ort spricht er eine Einladung aus. Das Stadtoberhaupt lädt die Familienmitglieder nach Münster ein, damit sie angemessen dem Verstorbenen gedenken können – ganz so wie es für sie in der Heimat vertrauter russisch-orthodoxer Brauch ist.

Kriegsgefangene aus vielen Nationen haben auf dem Ehrenfriedhof bei Haus Spital eine würdige letzte Ruhestätte gefunden. Auch der Russe Nikolai Moschaew. Er starb 1917 an Tuberkulose. Foto: Presseamt Münster

Die Spur des Großvaters hatte sich in Münster verloren. Er war ein Opfer des Krieges, das hatte die Familie in Erfahrung bringen können – mehr nicht. Erst die Recherchen des Teams um Dr. Peter Worm in Archivbeständen und Friedhofsakten fügten die Puzzlesteine zu den Todesumständen und den Beisetzungsort zusammen: Nikolai Moschaew starb am 21. Oktober 1917 mit nur 31 Jahren an Tuberkulose. Zwei Jahre hatte er in Kriegsgefangenschaft verbracht.

Es war kurz nach Kriegsbeginn 1914 als die ersten Gefangenen nach Münster kamen. Bis 1918 wurden in drei Lagern nahezu 90 000 Soldaten aus vielen Nationen interniert. Gemeinsam mit russischen Kollegen wird das Stadtarchiv Münster die Geschichte Nikolais Moschaews bewahren und sich auf die Spurensuche nach weiteren Schicksalen ehemaliger Kriegsgefangener begeben.

Beim Spaziergang zwischen den Gräbern bei Haus Spital erfuhren die Besucherinnen aus Russland mehr von den Lebensbedingungen in den Lagern in Münster. Im ausführlichen Gespräch vor den Kriegsgräbern waren sich Markus Lewe und Nina Vasilnieva einig: Jeder Krieg führt zu sinnlosen Verlusten und Leid bei den Angehörigen.

Info: Die Geschichte der Kriegsgräberstätte Haus Spital hat das Stadtarchiv online aufbereitet: www.stadt-muenster.de/kriegerdenkmale.

Quelle: Stadt Münster

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